Trotz "Entavio"-Aus: ProSiebenSat.1-Verschlüsselung droht

  • Der Münchner TV-Konzern ProSiebenSat.1 wird zwar bei einer Verschlüsselung seiner Free-TV-Programme via Satellit auf die umstrittenene "Entavio"-Plattform des Satellitenbetreibers SES Astra verzichten.


    Dies sei allerdings noch keine Entscheidung gegen eine Verschlüsselung von Programmen über eine andere Plattform, sagte Unternehmenssprecherin Katja Pichler der SAT+KABEL auf Anfrage am Dienstag nachmittag. Ein endgültiger Beschluss , ob Pay-TV-Programme wie Sat.1-Comedy oder Kabel1-Classics bzw. die Free-TV-Sender ProSieben, Sat.1 oder N24 codiert werden, ist damit noch immer nicht gefallen. Wenn verschlüsselt werden sollte, erfolge dies aber nicht mehr über "Entavio", erklärte Pichler. Alternativen nannte sie nicht.


    Einen Zusammenhang der Absage mit dem bevorstehenden Verkauf von ProSiebenSat.1 noch im Dezember (SAT+KABEL berichtete), gibt es nach Angaben der Sprecherin nicht. Vielmehr sei das negative Votum durch eine Androhung des Bundeskartellamtes ausgelöst worden, das Vorhaben zu untersagen.


    Offen ist, wie der Satellitenbetreiber SES Astra und der Kölner TV-Konkurrent RTL auf den Rückzug reagieren. Auf Anfrage der SAT+KABEL wollten sich die Unternehmen bislang nicht äußern. RTL hat sich bereits vertraglich verpflichtet, ab 2008 über "Entavio" seine Programme auszustrahlen. Senderchefin Anke Schäferkordt hatte bereits am Wochenende auf eine schnelle Entscheidung des Bundeskartellamtes gedrungen. Auch, wenn diese negativ ausfallen sollte, wisse man dann wenigstens, woran man ist, hatte Schäferkordt gesagt. Die RTL-Chefin erklärte einen Stopp von "Entavio" aufgrund des fehlenden Signal- und Kopierschutzes zum Rückschlag für die Digitalisierung in Deutschland. Mit Argumenten untermauerte sie diese Aussage allerdings nicht: Kritiker sehen die für 2007/2008 geplante Plattform eher als Hindernis für eine schnelle Abschaltung der analogen Signale. Astra will nach früheren Angaben seine Plattform notfalls auch nur zur Ausstrahlung reiner Pay-TV-Programme und den interaktiven Handy-Dienst "Blucom" nutzen.


    Kartellamtspräsident Ulf Böge hatte am Donnerstag in Bonn gesagt, dass die schon seit Jahren bestehende Planung beider Sendergruppen, digitales Fernsehen zu verschlüsseln, um es gegen Entgelt zu vermarkten, den Verdacht nahelege, dass es sich um eine abgestimmte Strategie handele. "Würde nur eine Sendergruppe die Verschlüsselung mit einer Freischaltgebühr einführen, müsste sie einen erheblichen Einbruch bei Zuschauern und Werbeeinnahmen befürchten", erkärte Böge.


    Mit der Aufgabe des Modells durch eine der beiden Sendergruppen sei der Koordinierungsverdacht entfallen, so dass das Verfahren gegen RTL und ProSiebenSat.1 eingestellt werden könne. Sollte das Geschäftsmodell jedoch wieder aufgegriffen werden, werde das Verfahren fortgeführt.


    Hauptkritikpunkt des Kartellamts war, dass sich beide Sendergruppen "relativ risikolos am Wettbewerb vorbei eine zusätzliche Erlösquelle erschlossen hätten". Zu diesem Zweck sei die Erhebung eines monatlichen Entgeltes durch den Satellitenbetreiber SES Astra - angekündigt waren 3,50 Euro - vorgesehen gewesen, "wovon ein erheblicher Teil der Einnahmen den beiden Sendergruppen zugeflossen wäre".


    Am 23. November hatte bereits der bisherige Geschäftsführer der Astra-Tochter Entavio GmbH, Wolfgang Keuntje, dem Unternehmen völlig überraschend zum Jahresende den Rücken gekehrt. Dies hatten Branchenkenner bereits als geordneten Rückzug gewertet, um mit einem drohenden Aus der Plattform nicht in Verbindung gebracht zu werden (SAT+KABEL berichtete).


    Nach aktuellen Planungen wollen nun nur noch RTL und MTV ihre Free-TV-Programme ab dem dritten Quartal 2007 verschlüsseln, allerdings noch ein Jahr auch uncodiert per Satellit digital verbreiten. Spätestens Ende 2008 soll der Hebel umgelegt werden. Dies geht mit einer Gebührenerhebung von 3,50 Euro einher. Kleinere Sender wollen ebenfalls codieren, Giga Digital und Tele5 haben sich dagegen ausgesprochen. Auch ARD und ZDF wollen ihre Programme über Satellit nicht verschlüsseln. Die teilnehmenden Sender sollen einen Anteil an den Einnahmen der Gebühr in bislang unbekannter Höhe erhalten.


    Zum Empfang der Kanäle sind neue DVB-S-Receiver mit CI-Schnittstelle oder mit einem integrierten Entschlüsselungssystem erforderlich. Dabei müssen spezielle technische Spezifikationen eingehalten werden, die unter anderem den beteiligten Sendern über ein DRM-System weitreichende Mitspracherechte bei der Verwertung der Ausstrahlungen einräumen, z.B. bei TV-Aufzeichnungen. Unter anderem stehen dann freie USB-Schnittstellen zur Disposition, die "Entavio"-Receiver-Menüs werden standardisiert.


    Quelle: Sat+Kabel

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